
Die Persönlichkeit ist die Gesamtheit individueller Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster einer Person. Im Laufe des Lebens kann sie sich mehr oder weniger stark verändern und ist niemals im Stillstand. Sollten Persönlichkeitseigenschaften im Konflikt mit Regeln und Erwartungen stehen, spricht man von einer Abweichung der Norm.
Bevor die Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10 gelistet werden, sollte noch kurz auf die Unterscheidungen Persönlichkeitsstörungen vs. Neurotische Störungen eingegangen werden.
Differenzierung Neurotische Störungen
- sind nur bestimmte Anteile der Persönlichkeit betroffen und die Person ist in der Lage, ein einigermaßen normales Leben zu führen
- umfassen wenige Bereiche des Denkens, Erlebens und Verhaltens
- Beginn liegt im späteren Jugend- oder Erwachsenenleben
- ich-dyston - Klient kann sein Erleben und seine Symptome gut verbalisieren
- gute therapeutische Prognose
- höheres Strukturniveau
Differenzierung Persönlichkeitsstörungen
- umfassen viele Bereiche des Denkens, Erlebens und Verhaltens
- Beginn liegt in der frühen Kindheit
- ich-synton
- Klient fällt es schwer, sein inneres Erleben in Worte zu fassen (erschwerte Selbstreflektionsfähigkeit)
- langwierige Psychotherapie notwendig
- niedriges Strukturniveau
Wann wird eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert?
- betreffende Person leidet unter ihrer Persönlichkeit
- Risiko für die Entwicklung einer weiteren psychischen Störung
- Eigen- und Fremddiagnostik
- Standardisierte psychologische Testverfahren
- Beginn der Abweichung in der Kindheit und Jugend
- Inneres Erleben und Verhalten weicht in mehr als einem Bereich deutlich von der kulturellen erwartenden Norm ab
- Verhalten ist in vielen persönlichen und sozialen Bereichen unflexibel oder unzweckmäßig
- deutlicher persönlicher Leidensdruck und Leistungsminderung
- Ausschluss organischer Erkrankungen oder Funktionsstörung des Gehirns
- Abweichungen sind nicht durch eine andere psychische Störung zu erklären
Was unterscheidet die verschiedenen Persönlichkeitsstörungen und welche Merkmale gibt es?
Paranoide Persönlichkeitsstörung (F60.0) Persönlichkeitsmerkmale:
- Hinter Verhalten anderer wird immer etwas Negatives und Böswilliges gesehen
- ständige Angst, Verschwörungsgedanken
- Misstrauen & Argwohn
- Kritiküberempfindlichkeit, leichte Kränkungen möglich
- Bestehen auf eigene Rechte
- Oberflächliche, sachorientierte Beziehungen
- Starke Überheblichkeit
- Streitsüchtiges, beharrliches Bestehen auf eigenen Rechten
Schizoide Persönlichkeitsstörung (F60.1) Persönlichkeitsmerkmale:
- Emotionale Kühle, Distanziertheit, Affektverflachung
- Keine Freude an Tätigkeiten und Aufgaben
- Kein Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen
- isoliert (introvertierter Einzelgänger)
- Mangelnde Sensibilität für soziale Normen und Regel
Dissoziale Persönlichkeitsstörung (F60.2) Persönlichkeitsmerkmale:
- Geringe Frustrationstoleranz, Rücksichtslosigkeit
- Missachtung von sozialen Normen und Gesetzen
- Keinerlei Schuldbewusstsein oder Verantwortungsbewusstseins
- Aggressives und gewalttätiges Verhalten und Mangel Empathie
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (F60.3)
Wird in 2 Erscheinungsformen aufgeteilt
Impulsiver Typ (F 60.30) = Gekennzeichnet durch: emotionale Instabilität, mangelnde Impulskontrolle, Ausbrüche mit gewalttätigem und bedrohlichem Verhalten (vor allem bei Kritik) und extreme Reizbarkeit
Borderline-Typ (F 60.31) = Gekennzeichnet durch: emotionale Instabilität, ständiges Gefühl der Lehre, Störung des Selbstbildes, instabiles Beziehungsverhalten, Ängste & Phobien, Wutausbrüche, Selbstschädigendes Verhalten und wiederholte Suiziddrohungen und –versuche
Histrionische Persönlichkeitsstörung (F60.4) Persönlichkeitsmerkmale:
- Theatralisches Verhalten und übermäßige Emotionalität
- Erhöhte Kränkungen möglich, Affektlabilität
- Personen wollen immer im Mittelpunkt stehen, Geltungssüchtig
- Übermäßige Beschäftigung mit Attraktivität
Anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung (F60.5) Persönlichkeitsmerkmale:
- Pedanterie und Perfektionismus, ständige Beschäftigung mit Details, Regeln und Ordnung
- Übertriebener Zweifel und Vorsicht
- Rigidität und Eigensinn
- Starke Leistungsbezogenheit
- Vernachlässigung von Vergnügen und zwischenmenschlichen Beziehungen
- Starke Gewissenhaftigkeit
- Unflexibilität dieser zwanghaften Persönlichkeit führt zu großen Problemen im alltäglichen Zusammenleben
Ängstlich-vermeidende (selbstunsichere) Pers.-Störung (F60.6) Persönlichkeitsmerkmale:
- Soziale Gehemmtheit
- Gefühle der Unzulänglichkeit (fühlen sich unbeholfen, unattraktiv und minderwertig)
- Überempfindlichkeit gegenüber Kritik und Zurückweisung
- Geringes Durchsetzungsvermögen
- Starker Wunsch nach Akzeptanz
Abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung (F60.7) Persönlichkeitsmerkmale:
- Massives Gefühl der Hilflosigkeit
- Anhängiges und unterwürfiges Beziehungsverhalten
- Angst vor Verlassenwerden und Alleinsein - Eigene Bedürfnisse werden untergeordnet
Für die verschiedenen Persönlichkeitsstörungen gibt es multimodale Vorgehensweisen und störungsspezifische Therapiekonzepte. Auch wenn die Klienten sich in Behandlung begeben, ist es eine langwierige und schwierige Therapie. Besonders die Kognitive Verhaltenstherapie und die analytische Psychotherapie haben sich bei Persönlichkeitsstörungen mit Erfolg bewährt.



